18. Dezember 2014

Die zahlreichen Protestaktionen von Asylsuchenden in der BRD während der vergangenen zwei Jahre haben – berechtigterweise – sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit für die Lebensbedingungen von Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus erhalten. Dabei sind Proteste der selbstbewussten Asylsuchenden in Deutschland nicht nur in politischer Hinsicht ein ganz neues Phänomen. Die Zuspitzung der Proteste in Hungerstreikaktionen war auch eine neue Herausforderung für Ärztinnen und Ärzte, die die Proteste der Asylsuchenden solidarisch begleiteten.

Denn selbst für erfahrene Medizinerinnen und Mediziner ist die Betreuung und Behandlung von Hungerstreikenden keine alltägliche Tätigkeit. Die vorhandene Fachliteratur zu diesem Thema ist meist auf Englisch und bezieht sich auf die medizinische Versorgung von Hungerstreikenden unter Haftbedingungen. Ebenso ist der zentrale ärztliche Ethik-Kodex, die Deklaration von Malta, unter der Erfahrung von inhaftierten Hungerstreikenden entstanden.
Im Gespräch mit den medizinisch tätigen Personen im Umfeld der vergangenen Hungerstreikaktionen zeigte sich, dass neben tiefgreifenden politischen Fragen auch eine ganze Reihe von praktischen, organisatorischen, rechtlichen, medizinischen und nicht zuletzt ethischen Fragen zu klären waren, weil nur wenige bis gar keine Informationen über das „richtige“ Verhalten bei der Betreuung von Hungerstreikenden zur Verfügung standen.
Der Reader „Praktische Fragen in der medizinischen Begleitung von Hungerstreikenden“, das der vdää heute zum kostenlosen Download bereitstellt, richtet sich an medizinisch tätige Personen, die vor der Herausforderung stehen, in einer solchen Situation agieren zu müssen.
Der Reader deckt verschiedene Themenbereiche ab, angefangen von grundsätzlichen ethischen Erwägungen und der Dokumentation der Deklaration von Malta, gefolgt von Ausführungen zu medizinischem Basiswissen zum Hungerstoffwechsel und der – sehr realen – Gefahr eines sog. Refeeding-Syndroms, eine lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung nach Wiederaufnahme der Nahrungszufuhr. Darüber hinaus spricht der Reader konkrete organisatorische Fragen an, die im Rahmen eines Hungerstreiks auftreten. Abgerundet wird der Reader durch Kontaktadressen und Hinweise auf weiterführende Informationen. Der Reader soll in Zukunft und mit weiteren Erfahrungen systematisch erweitert werden.
„Jede Situation ist anders. Deshalb ist der Reader nicht mit dem primären Anliegen entstanden, vorgefertigte Antworten auf Eventualitäten zu formulieren. Wir wollen vielmehr ein Verständnis davon vermitteln, dass mit Hintergrundwissen und einer strukturierten Herangehensweise auf Basis der bisherigen praktischen Erfahrungen die medizinische Begleitung von Hungerstreikenden verbessert werden kann. Unabhängig davon, wie sich die einzelne Ärztin oder der einzelne Arzt zum Hungerstreik als Mittel des Protestes positioniert“, so Dr. Thomas Kunkel, einer der Autoren.

Der Reader steht auf der Webseite des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte hier zum kostenlosen Download bereit.

Dr. Nadja Rakowitz
Geschäftsführerin